Der Kleine muss ein Höschen tragen!

Nackt.

Ich zeige mich ja nicht so gerne unbekleidet in der Öffentlichkeit. Femen wär also nix für mich. Und selbst bekleidete Schwimmbadbesuche finde ich im Vorfeld irgendwie anstrengend, denn dann muss ich mir immer die Beine rasieren. Ja, nee, muss ich nicht, aber da gehe ich für mich persönlich mal ganz unreflektiert mit dem Massenideal konform.

Unser Sohn ist noch sehr gerne unbekleidet an der frischen Luft – ich schreibe jetzt mal nicht Öffentlichkeit, denn die ist ihm dabei herzlich egal. Der Öffentlichkeit ist es das aber nicht. Das ist in bestimmten Kontexten für mich widerum auch ok, denn die Grenzen sind ja hier für jeden sehr unterschiedlich gesetzt. Ich würde also das Kind jetzt eher nicht nackt durch die Fußgängerzone laufen lassen. In unserem Garten aber schon. Aber selbst das gestaltet sich manchmal schwierig, da man hier nah an den Nachbarn wohnt und nie so genau weiß, wie die das jetzt finden. Das finde ich schon manchmal ein bisschen komisch, denn eigentlich will ich dem Kind ja nicht beibringen, dass sein nackter Körper etwas Komisches ist, außer, er findet den Zustand irgendwann selbst komisch. Aus diesem Grund benennen wir sein Geschlechtsteil auch nicht mit „Pipimann“ oder „Schniedel“, sondern sagen dazu einfach „Penis“ (huch!).

Dennoch habe ich mich das ein oder andere Mal dabei ertappt, ihm mit einer Hose hinterherzurennen, obwohl er sich gerade sichtlich wohl ohne zusätzlichen Stoff fühlte, und es für ihn noch dazu momentan der einzige Weg zu sein scheint, sich auf das Gebiet „windelfrei“ hinauszuwagen. Aber ich will halt niemanden brüskieren. Dabei hat nie jemand was gesagt. Aber geguckt. Das reicht offensichtlich schon, damit ich hier ganz schnell einen Rückzieher mache, auf Kosten meines Sohnes, der daraufhin auf weitere Frischluftzufuhr im Lendenbereich verzichten musste. Vielleicht habe ich es aber auch ein bisschen für ihn getan, denn ich will auch vermeiden, dass er sich merkwürdig beäugt fühlt. Kinder merken sowas in der Regel.

Im Schwimmbad!

Letztens aber war ich mutig: Wir waren den halben Tag im Schwimmbad, das Kind trug ordnungsgemäß eine Badehose. Kurz bevor wir gingen, musste er dringend vor dem Anziehen noch einmal ins Babybecken laufen. Er war nackt, er war ausgesprochen glücklich. Das erste, was ich nach zwei Minuten hörte, war eine Mutter, die erstaunt: „Oh!“ rief. Kurz darauf strömte schnellen Schrittes ein Bademeister auf mich zu, der mir latent herrisch mitteilte, „der Kleine“ müsse aber „ein Höschen tragen!“

Ich war ernsthaft überrumpelt und auf eigenartige Weise beschämt. Entsprechend zügig eierte ich also zum Kind herüber und versuchte ihm zu erklären, warum wir diesen Zustand jetzt schnellstmöglich beenden müssten. Total einfach bei einem leicht übermüdeten und dementsprechend äußerst aufnahmefähigen Kind, dass ja jetzt eben GAR NIX anziehen wollte. Ich erklärte ihm, ihn aus dem Wasser bugsierend, dass der Mann uns gerade erklärt habe, dass man hier ohne Hose nicht rein dürfe. Dass ich es gar nicht schlimm fände, dass hier aber andere Regeln seien, an die wir uns halten müssten. Er war sichtlich irritiert und fing an, sich zwischen den Beinen herumzuknibbeln. Es mag gnadenlos überinterpretiert sein, aber ich hatte in dem Moment den Eindruck, dass er das Gefühl hatte: Da ist mein Penis, den darf keiner sehen, aber warum nicht?

Warum (nicht)?

Ja, warum nicht? Ich will hier gar nicht das Schwimmbad anklagen: Wahrscheinlich stand es so in der Badeordnung, und ich habe es nicht gelesen. Dass es dort möglicherweise steht, dafür kann ich die Gründe nur vermuten:

Sauberkeit

Kinder bringen ihre Körperausscheidungen nicht immer rechtzeitig an den hygienischsten Ort, klar. Und ich denke beim Plantschen im Babybecken auch bewusst nicht allzu intensiv darüber nach. Aber mal ehrlich: Alle Eltern, die ihrem Baby schon mal eine Schwimmwindel angezogen haben, wissen, dass es sich ganz hervorragend daran vorbei urinieren lässt. Und andere Ausscheidungen… die mögen noch so halbwegs in einer Schwimmwindel bleiben. Aber über deren Verbleib beim lediglichen Tragen von Badeshorts muss man sich jetzt auch keine Illusionen machen. Trägt also für mich nicht so richtig als Argument.

Pädophilie

Pädophilie gekoppelt mit einer extrem hohen Verbreitungsmöglichkeit von Kinderfotos im Netz. Ja, das würde mir schon einigermaßen einleuchten. Ich gehe jetzt mal davon aus, dass die Rate der Menschen mit pädophiler Neigung, die diese dann auch beobachtend ausleben, in den letzten Jahrzehnten nicht gestiegen sein dürfte. Die Gefahr, dass Menschen, die das betrifft, sich in der Nähe meines Kindes befinden, dürfte also genauso hoch sein wie vor 30 Jahren. Was gestiegen ist, ist die Möglichkeit, entsprechendes Bildmaterial von Kindern über das Netz zu verbreiten und zu beziehen. Ich bin mir sicher, kein Elternteil möchte, dass das eigene Kind als Vorlage für sexuelle Neigungen dient. Die Frage ist: Wie kann ich das verhindern? Da denke ich zuallererst an: Aufmerksamkeit. Ich kann versuchen, im Blick zu haben, wer mein Kind beobachtet, wer sich in seiner Nähe aufhält und sich wie verhält. Ich kann auch im entsprechenden Alter mein Kind dafür sensibilisieren, seine eigenen Grenzen zu wahren, indem es sich traut „Nein“ zu sagen, wegzugehen oder Hilfe zu holen. Was übrigens leichter fallen dürfte, wenn auch ich mich bemühe, die persönlichen Grenzen meines Kindes zu wahren und sie nicht immer wieder ohne wirklich nötigen Anlass zu überschreiten, nur, damit es gerade meine Regeln befolgt oder so handelt, wie es für mich am bequemsten ist. Aber das ist noch ein anderes Thema. Die eigentliche Frage war ja: Kann ich der Gefahr, dass fremde Menschen mein Kind auf eine sexualisierte Weise beobachten und damit benutzen, entgehen, indem ich ihm etwas anziehe? Ein wenig schon, sicherlich. Andererseits: Ich befürchte hier eine gewisse Scheinsicherheit. Wie sicher kann ich sein, dass es Menschen mit entsprechender Neigung nicht auch erregend finden, mein Kind in enger Badehose zu betrachten? Und, was mich in der Sache noch mehr bewegt: Was ist mit den vielen kleinen Mädchen, deren Körper noch völlig kindlich ist und naturgemäß noch nicht die Spur von Brüsten aufweist, die aber Badekleidung tragen, die dem Stil erwachsener Frauen nachempfunden ist? Beim Blog-Querlesen bin ich bei feierSun und Blogprinzessin auf den treffenden Begriff „Ältermachding“ gestossen, und ich frage mich ebenfalls ernsthaft, ob ein Bikinioberteil bei zweijährigen Mädchen nicht vielleicht stärker sexualisiert als bloße Nacktheit.

Allgemeines Schamgefühl

Ich habe schon den Eindruck, dass Nacktheit bei Kindern „früher“ – also sagen wir mal, vor 20 oder 30 Jahren – wesentlich relaxter behandelt wurde. Es gibt diverse Sommer-Nacktbilder von mir und meinem Bruder in jungen Jahren. Die Schwester einer Freundin rannte Erzählungen zufolge am liebsten nur mit Gummistiefeln bekleidet auf die Straße. Irgendwann haben auch wir ein Schamgefühl entwickelt, und dann haben wir etwas angezogen. Bis dahin aber, so meine Erinnerung, war die Nacktheit von Kindern keine große Sache. Natürlich war die damalige Generation genauso heterogen wie die unsere heute – meine Schwiegermutter berichtete, dass sie ihren Kindern IMMER etwas angezogen habe, und ich vermute, unsere etwas laxere Einstellung dazu brüskiert sie auf die ein oder andere Weise sogar. Aber so im Großen und Ganzen wird mittlerweile nach meinem Empfinden doch ein ziemlicher Hype um die Bedeckung von Kleinkindkörperstellen gemacht.

Vielleicht ist es auch eine Mischung aus all diesen Gründen. Fakt ist, dass es einen subtilen (Nicht-)Bekleidungscode für kleine Kinder zu geben scheint, den ich nicht immer durchdringe. Im Zweifelsfall gilt: Lieber zuviel, als zu wenig. Ich verstehe das auch, auf der einen Seite. Und auf der anderen Seite finde ich es zum einen schade, denn es sind nur so wenige Jahre, in denen Kinder unbefangen mit ihrem Körper umgehen, in denen sie ihn unvoreingenommen toll finden, als ein Instrument erleben, die Welt zu entdecken, zu begreifen, sich darin zu bewegen. Sehr bald setzt ein Schamgefühl ein, das ihnen diese Unbefangenheit ein Stück weit nimmt. Das ist nicht schlimm, es stellt – zumindest in unserer Gesellschaft – einen Übergang in eine nächste Entwicklungsstufe dar, in eine andere Bedeutung von Sexualität. Aber bis dahin wäre es doch schön, könnten sie diese andere Phase unbeschwert genießen. Denn ich finde es auf der anderen Seite nicht nur schade, das zum Teil unnötig zu beschränken, ich habe auch den Eindruck, dass ein, sagen wir mal harsch, Bekleidungszwang Kindern vermittelt, dass sie so, wie sie in ihrer ganzen Körperlichkeit sind, nicht richtig sind – was sich doch aber nicht mit ihrem Selbstempfinden deckt. Das kann zu Verwirrung führen. Immerhin bin ich mit dem Eindruck nicht allein: „Bikinis für Zweijährige“ – „Zieh Dir bitte was an!“.

Die Gesellschaft…

Vielleicht hängt dieser leicht verkrampfte Umgang mit dem Thema auch tatsächlich mit der vielzitierten Sexualisierung zusammen. Ziemlich sicher leben wir gerade in einer Gesellschaft, die im Thema Nacktheit und Sexualität mit Verunsicherung ringt (auch im Stern aufgegriffen). Der Themenkomplex ist schon oft bearbeitet worden, ich bin sicherlich nicht Expertin, was ich aber einleuchtend finde: Die starke Präsenz von Sexualität in der Werbung, die vergleichsweise leichte Verfügbarkeit von Pornografie kann zum einen eine Art Dagegenhalten produzieren, also eine Verleugnung von Sexualität oder auch Körperlichkeit, wo sie eigentlich unbelastet sein könnte. Und zum anderen kann sie auch zu einem Umgang damit führen, der sich an eher fiktionale Maßstäbe anpasst, denn an reale – meint: Mädchen und Frauen haben abgespeichert, dass ihre Körper, wenn sie keinen als ideal dargestellten Maßen entsprechen, nicht in Ordnung sind. Jugendliche integrieren in ihr Selbst- und Weltbild, dass die Darstellung von Sexualität zwischen Männern und Frauen in Pornos oder Musikvideos der Normalität entspricht, der man dann auch nachkommt – ziemlich egal, wie sich das anfühlt.

Das war jetzt etwas plakativ, ich weiß. Und dass es so einfach nicht ist, zeigt zum Beispiel ein Beitrag des WDR zum Thema „Jugendliche und Pornografie“. Was der Beitrag aber auch nahe legt: Eine differenzierte Wahrnehmung von Sexualität – und sicher auch Körperlichkeit – wird erst dann möglich, wenn Kinder und Jugendliche sich reflektierend mit dem Thema auseinandersetzen können, wenn das Thema in all seinen Facetten angesprochen werden darf und nicht unter den Tisch gekehrt wird. Und ich denke schon, dass es dafür nötig ist, den eigenen Körper erst einmal als etwas völlig Normales entdecken zu dürfen. Dazu gehört für mich dann letztlich auch, diese frühe Entwicklungsphase von Kindern, in denen Nacktheit für sie normal, vielleicht sogar wichtig ist, nicht zu vermischen mit dem, was danach kommt, und ihnen damit einen guten Grundstein für eine gesunde Selbstwahrnehmung zu bieten – immer verknüpft mit der Unterstützung darin, Nein zu sagen und sich abzugrenzen, wenn sie sich unwohl fühlen.

… und wir?

Nächste Woche fahren wir in den Urlaub, auf eine Insel. Ich werde das Kind wohl eher nicht nackt in Gummistiefeln aufs Laufrad setzen. Aber ein kleiner FKK-Run am Strand ist dann hoffentlich drin. Wenn er möchte.

 

Bild: Nina Heiermann  / pixelio.de

 

 

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